Aktives politisches Risikomanagement wird notwendiger Bestandteil der Unternehmenssteuerung

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Sven Behrendt ist Managing Director der GeoEconomica GmbH mit Sitz am Bodensee.

Politische Risiken erleben derzeit in der Aufmerksamkeit von Unternehmen eine starke Renaissance. Geschäftsberichte weisen vermehrt auf ein schwieriges geopolitisches und makroökonomisches Marktumfeld hin. In einer Erhebung des Beratungsunternehmens PWC zu Beginn diesen Jahres gaben über 70 Prozent der befragten Vorstandsvorsitzenden an, dass sie geopolitische Risiken für eine wesentliche Bedrohung für das Wachstum ihrer Unternehmen halten. Und in der Tat, geopolitische Spannungen und dadurch verursachte wirtschaftliche Unsicherheit haben in den letzten Jahren spürbar zugenommen – siehe der Zusammenbruch Syriens, die Entfremdung des Westens von Russland, die zunehmend komplexen transatlantischen Beziehungen, der bedenkliche politische Zustand Europas oder zahlreicher Schwellenländer, die Angesichts schwacher Rohwarenpreise vermehrt unter Druck geraten.

All dies erwischt international operierende Marktteilnehmer gewissermassen auf dem falschen Fuss. Der Fall der Berliner Mauer und das Ende der Ost-West Konfrontation versprachen, dass das wirtschaftliche Zusammenwachsen der dominierende Trend des 21. Jahrhunderts sein würde, sich politische Störfeuer in den Hintergrund drängen liessen, und letztendlich die politische Integration der wirtschaftlichen folgen würde. Die derzeitigen geopolitischen Verwerfungen stellen diese Arbeitsgrundlage nachhaltig in Frage. Wirtschaftliche Integration und politische Spannungen vertragen sich nicht. Unternehmen müssen erfahren, dass scheinbar ferne politische Konflikte unmittelbare Konsequenzen haben. Und auf politische Unsicherheit folgt Risikoaversion und der Verlust an Wettbewerbsfähigkeit.

Damit kommt das politische Risikomanagement ins Spiel. Sein Auftrag ist erstens, das politische Umfeld eines Unternehmens auf mögliche Fallstricke hin auszuloten und zweitens Wege aufzuzeichnen, sich erfolgreich am Markt zu bewegen, ohne dass politische Entwicklungen und Ereignisse den kommerziellen Erfolg schmälern. Henry Kissinger hat einmal bemerkt: „Das Ignorieren eines Problems öffnet die Tür für eine Krise.“ Politische Risiken mögen vor einiger Zeit noch eine vernachlässigbare Grösse gewesen sein. Heute ohne eine systematische politische Risikoanalyse und entsprechendes Risikomanagement unterwegs zu sein öffnet der Krise alle Türen.

Für eine robuste Risikoanalyse und professionelles Risikomanagement sind nach unseren Erfahrungen drei Dinge zentral: eigene politische Überzeugungen sollten, so schwer es fällt, ausgeblendet werden. Die Frage lautet nicht, was das gewünschte Ergebnis eines politischen Prozesses sein soll, sondern welche politischen Ereignisse realistischerweise eintreten werden und welche Folgen sie für das Unternehmen haben könnten. Politische Risiken sind, zweitens, subjektiv. Sie haben unterschiedliche Konsequenzen für unterschiedliche Marktteilnehmer. Deshalb sind politische Risikoanalysen gewissermassen von der Stange nicht wirklich hilfreich, sondern müssen für ein Unternehmen massgeschneidert werden. Drittens, und dies ist der analytisch komplexe Teil, um wirklich aussagekräftig zu sein, müssen Risikoanalysen die Transmissionsmechanismen, durch die ein politisches Ereignis ein Unternehmen trifft, klar identifizieren. Wie beeinflussen sie Lieferketten, Absatzmärkte, Produktion, oder Finanzierung? Ohne Antwort auf diese Fragen bleiben politische Risikoanalysen beliebig.

Aber politische Risikoanalyse darf nicht nur darauf hinweisen, was schief gehen kann. Sie sollte ihre Adressaten auch in die Lage versetzen, positive politische Entwicklungen vor der Konkurrenz zu erfassen und Chancen auf Märkten zu suchen, die anderen aufgrund des mangelnden Verständnisses der politischen Situation verschlossen bleiben. Das ist letztendlich der Anspruch: politisches Risikomanagement als wesentlicher Bestandteil der Unternehmensführung machen Unternehmen angesichts einer komplexer werdenden politischen Gemengelage mutiger und steigern damit ihren Wert.

Grundsätze des politischen Risikomanagements

Trenne zwischen politischen Überzeugungen und realistischer Analyse. Politik bringt nicht immer die Resultate hervor, die man gerne hätte. Das mag frustrierend sein, entbindet aber nicht, nüchtern ihre Konsequenzen zu ermitteln.

Vermeide politische Risikoanalysen von der Stange. Politische Risiken stellen sich für Wirtschaftszweige und Unternehmen unterschiedlich dar. Analysen müssen daher massgeschneidert werden, um wirklich hilfreich zu sein.

Integriere politisches systematisch in das unternehmensweite Risikomanagement. Politisches Risikomanagement sollte ständig auf dem Radarschirm der Unternehmensleitung präsent sein.

Identifiziere die Transmissionsmechanismen durch die politische Risiken das Tätigkeitsfeld des Unternehmens betreffen könnten. Politische Entwicklungen, die weit ausserhalb der Reichweite eines Unternehmens zu liegen scheinen, können manchmal gravierende Folgen haben.

Begreife politisches Risikomanagement als Teil der Unternehmensstrategie. Unternehmen, die sich systematisch mit ihren politischen Risiken auseinandergesetzt haben und proaktiv damit umgehen, werden erfolgreicher sein also solche, die ihr strategisches Umfeld nur selektiv wahrnehmen.

 

 

Gastautor

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Sven Behrendt
Experte für politische Risikoanalyse und Management

GeoEconomica GmbH

www.geoeconomica.com

Sven Behrendt ist Managing Director der GeoEconomica GmbH mit Sitz am Bodensee. GeoEconomica unterstützt Unternehmen bei der Ermittlung ihres politischen Risikoprofils und dem Management politischer Risiken.

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